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Social Media, Liebeslieder und Disneyfilme: Viele von uns sind mit der Vorstellung aufgewachsen, dass die Liebe eigentlich ein Selbstläufer ist, sobald wir unseren Prinzen oder unsere Prinzessin auf dem weißen Ross gefunden haben. Wir lernen, dass die “große, wahre Liebe” immer einfach und von totaler Harmonie geprägt sein muss – und natürlich für immer andauert. In dieser Vorstellung ist Liebe also etwas, das uns gewissermaßen passiv widerfährt. Nicht nur die eigene Erfahrung vieler von uns, sondern auch berühmte Psycholog:innen wie Esther Perel, John Gottman oder Jens Corssen widersprechen diesem Bild jedoch deutlich: Sie sagen vielmehr, dass Liebe Arbeit erfordert, anstrengend sein kann – und man sich immer wieder aktiv für sie entscheiden muss.
Aber was bedeutet das für uns? Welche Rolle spielen Gefühle, wie können wir uns denn für die Liebe entscheiden – und was ist Liebe überhaupt?
Liebe und Verliebtheit
Erstmal ist es wichtig, zwischen Liebe und Verliebtheit zu unterscheiden. Die beiden sind nämlich schon rein körperlich zwei verschiedene Phänomene: Verliebtsein ist ein hormoneller Sonderzustand, der evolutionär gesehen den Zweck hat, sich die andere Person zu sichern, sie also an sich zu binden. Während der Verliebtheitsphase werden Adrenalin (ein Stresshormon) und Dopamin (das Hormon des Verlangens) ausgeschüttet, die uns dazu motivieren, uns das Objekt der Begierde endlich zu erobern und “dingfest zu machen”. Alles, was potenziell negativ sein könnte, blenden wir aus, der oder die potenzielle Partner:in scheint uns absolut perfekt und Konflikte sind in dieser Beziehungsphase ein Fremdwort.
Dabei vergessen wir ganz oft, dass Liebe aber eigentlich der Zustand ist, der danach folgt: Sie spielt sich in anderen Gehirnregionen ab, die Ausschüttung von Dopamin und Adrenalin sinkt und stattdessen wird das Bindungshormon Oxytocin sowie verschiedene Glückshormone ausgeschüttet. Während die Verliebtheitsphase von viel Aufregung und Leidenschaft, aber auch Unsicherheit geprägt ist, stellt sich bei der Entwicklung von Liebe ein Gefühl von Ruhe und Sicherheit ein. Gleichzeitig scheint die Welt – und unser Partner bzw. unsere Partnerin – nicht mehr so rosarot wie zuvor, und es entsteht auf einmal Raum für Konflikte.
Die gute Nachricht ist: Diese Entwicklung ist total normal und lässt sich in einer verbindlichen, längeren Beziehung auch nicht vermeiden. Vielmehr gibt es uns eine Gelegenheit, uns zu überlegen, ob die Beziehung wichtig genug ist, um an ihr festzuhalten, an ihr zu arbeiten und uns immer wieder unserem Partner oder unserer Partnerin zuzuwenden. Wer ständig auf der Suche nach der Aufregung und Leidenschaft vom Anfang ist, wird zwar ständig auf Wolke 7 schweben – aber auch nicht darüber hinaus kommen. Wer sich dafür entscheidet, sich von der Illusion der märchenhaften Liebe zu trennen, entscheidet sich aber gleichzeitig dafür, eine Haltung einzunehmen, die eine verbindliche, langfristige – und liebevolle – Beziehung ermöglicht.
Was muss ich tun, um lieben zu können?
Die Forschung der Paar- und Familienpsychologie zeigt, dass es drei wichtige Komponenten gibt, die eine “liebesbejahende Haltung” begünstigen.
Selbstliebe
Der Psychologe Jens Corssen sagt: “Solange man eine Person braucht, kann man sie auch nicht lieben”. Er bezeichnet die Liebe zu sich selbst sozusagen als das Fundament der Liebe zu anderen Personen. Wer nämlich insgeheim davon überzeugt ist, nicht liebenswert zu sein, wird automatisch davon ausgehen, dass die andere Person das ebenso sieht. Das führt oft dazu, dass man in ständiger Angst lebt, nicht gut genug für die andere Person zu sein und von ihr die konstante Bestätigung braucht, dass sie einen wirklich liebt. So entwickelt sich eine einseitige Abhängigkeit, bei der man von der anderen Person erwartet, dass sie die eigenen Defizite im Selbstwert ausgleicht.
Statt ein Partner oder eine Partnerin im wahrsten Sinne des Wortes zu sein, wird das Gegenüber dann viel mehr zum “Kompensator” persönlicher Unsicherheiten. So kann einerseits keine Beziehung auf Augenhöhe stattfinden, andererseits übertragen wir unserem Partner oder unserer Partnerin damit auch Verantwortung, die nicht zu ihm oder ihr gehört.
Ja zur Beziehung sagen
Wenn wir eine langfristige, verbindliche und erfüllende Beziehung führen wollen, ist es essenziell, dass wir uns auch richtig auf unser Gegenüber einlassen. Das bedeutet, aktiv Ja zur Beziehung zu sagen: Das Fortbestehen und Gelingen der Beziehung bewusst zur Priorität machen und diese auch gegen Hürden und Ablenkungen verteidigen.
Ja zum Gegenüber sagen
Sich für eine verbindliche Beziehung zu entscheiden bedeutet auch aktiv Ja zu unserem Partner oder unserer Partnerin zu sagen – und zwar so, wie er oder sie ist. Statt also ständig zu versuchen, unser Gegenüber zu ändern und es unseren eigenen Erwartungen anzupassen, sollten wir akzeptieren, dass unser Partner oder unsere Partnerin eine eigenständige Person ist, die anders ist – und anders sein darf – als wir selbst.
Kann man dann jeden und jede lieben?
Wenig überraschend lautet die Antwort: Nein. Die beschriebene Haltung ermöglicht es einem, sich für eine Liebesbeziehung mit einer bestimmten Person zu öffnen. Trotzdem gibt es einige Faktoren, die die Kompatibilität zweier Menschen stark einschränken können, zum Beispiel sehr unterschiedliche Zukunftsvorstellungen oder schwerwiegende Belastungen in einer Beziehung.
Fazit – ist Liebe also wirklich eine Entscheidung?
Zusammengefasst ist Liebe zwar nicht nur eine Entscheidung, sondern auch ein Gefühl, das für viele die Grundlage für eine langfristige Partnerschaft ist. Trotzdem kann eine bewusste, aktive Haltung zur Liebe die Entwicklung dieses Gefühls unterstützen oder überhaupt erst ermöglichen.
Lieben ist also auch eine Fähigkeit, die wir lernen und in der wir besser werden können. Wir müssen nicht passiv darauf warten, dass uns die perfekte Liebe überfällt – wir können uns aktiv dafür entscheiden, sie wachsen zu lassen.




