Gefühle

Lästern als Spiegel der Psyche: Warum es nicht immer böse gemeint ist

Lästern – das klingt nach Flüstern hinter vorgehaltener Hand, nach Gerüchten und spitzen Bemerkungen. Wir verbinden es oft mit Oberflächlichkeit oder Bösartigkeit. Doch psychologisch betrachtet ist Lästern viel mehr als nur “schlechtes Reden über andere”. Es erfüllt wichtige soziale und emotionale Funktionen: Es kann Nähe schaffen, Orientierung geben, Spannungen abbauen und gleichzeitig unser Selbstwertgefühl beeinflussen. Wer verstehen möchte, warum wir lästern, muss tiefer blicken: in unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit, in unbewusste Schutzstrategien und in die Mechanismen sozialer Gruppen. 

In diesem Beitrag erfährst du:

  • Was psychologisch hinter dem Bedürfnis zu lästern steckt
  • Welche Funktionen Lästern für Selbstwert und Gruppenbindung erfüllt
  • Wann Lästern schadet und wann es sogar verbinden kann
  • Wie du den eigenen Lästerimpuls bewusst steuerst

Inhaltsverzeichnis

Was Lästern eigentlich ist und was nicht

Lästern bedeutet:  über eine nicht anwesende Person zu sprechen, meist mit wertender, oft kritischer Haltung. Das kann spöttisch, enttäuscht, ironisch oder sogar humorvoll geschehen.  Entscheidend ist dabei nicht nur, was gesagt wird, sondern auch warum. Manchmal steckt eine ehrliche Irritation dahinter, manchmal auch das Bedürfnis nach Bestätigung, manchmal pure Gewohnheit.  Die Grenze zu Verleumdung oder Mobbing ist fließend und wird überschritten, wenn das Ziel darin besteht, gezielt zu verletzen oder zu isolieren.

Die psychologischen Funktionen des Lästerns

Psychologisch betrachtet erfüllt Lästern zentrale soziale und emotionale Funktionen. Es ordnet unser soziales Umfeld, reduziert Unsicherheit, sichert Gruppenzugehörigkeit und stabilisiert das eigene Selbstwertgefühl. Wer lästert, sucht Orientierung, über andere und über sich selbst.

  • Selbstwertregulation durch Abwertung

Gerade in Momenten, in denen wir uns klein oder unsicher fühlen, kann Lästern wie ein innerer Aufrichter wirken. Indem wir andere abwerten, fühlen wir uns selbst kurz besser. Psychologisch nennt man das “externales Attribuieren” – Die Ursache für Unzufriedenheit wird nach außen verlagert. Kurzfristig schützt das den Selbstwert, langfristig verhindert es allerdings persönliche Entwicklung.

  • Soziale Orientierung und Gruppendynamik

Lästern definiert Zugehörigkeit. Es schafft ein “Wir”, oft auf Kosten eines “Die”. Schon evolutionär diente diese Form des indirekten Austausch dazu, Normen und Werte zu festigen und das Verhalten der Gruppe zu regulieren. Wer sich an Regeln hält, wurde akzeptiert. Wer nicht, musste sich anpassen oder wurde ausgeschlossen.

  • Emotionale Entlastung

Manche Gefühle brauchen ein Ventil. Wenn direkte Konfrontation zu riskant oder unangenehm erscheint, kann Lästern kurzfristig Spannung abbauen. In einem vertrauten Rahmen kann das sogar  Verbindung schaffen, solange es nicht in Bloßstellung oder Abwertung kippt.

  • Informationsverarbeitung und soziale Kontrolle

Indem wir über andere sprechen, verarbeiten wir Eindrücke und Werte. Wir prüfen welche Verhaltensweisen wir gutheißen und welche nicht. Dieses “soziale Feedback” wirkt regulierend:. Wer weiß, dass sein Verhalten Thema werden könnte, verhält sich oft vorsichtiger.

Tabelle mit psychologischen Funktionen von Lästern und ihren sozialen Effekten

Wenn Lästern zur sozialen Strategie wird

Lästern ist nicht immer beiläufig – es kann gezielt als Machtinstrument eingesetzt werdent. Menschen, die viel lästern, nutzen es oft, 

  • um ihren Einfluss in Gruppen zu sichern, 
  • um Konkurrent:innen auszubremsen,
  • um Unsicherheiten zu kaschieren. 

In hierarchischen Strukturen oder instabilen Beziehungen wird Lästern oft als subtile Waffe genutzt und kann auch ein Hinweis auf mangelnde Konfliktfähigkeit sein. Doch das hat seinen Preis: Es zerstört Vertrauen, verhärtet Konflikte und verhindert echte Klärung.

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Lästern und Geschlecht – Lästern Frauen wirklich mehr?

Studien zeigen Unterschiede, aber diese sind sozial, nicht biologisch geprägt. Frauen lästern tendenziell häufiger, vor allem über Aussehen, Beziehungen und soziale Dynamiken. Männer wiederum sprechen eher über Erfolge, Status und Fähigkeiten. 

Schon im Kindesalter werden Mädchen oft sozialisiert, Konflikte indirekt auszutragen. Direkte Konfrontation wird ihnen – im Vergleich zu Jungen – eher abtrainiert. , Ärger, Neid oder Frustration suchen sich dann andere Wege, zum Beispiel über subtile Bemerkungen im vertrauten Kreis. 

Für viele Frauen ist Tratsch daher nicht nur Unterhaltung, sondern ein Mittel zur emotionalen Regulation und sozialen Navigation in einem Umfeld, das offene Aggression oft sanktioniert. Gleichzeitig gilt: Wer gefragt wird, ob er lästert, antwortet nicht immer ehrlich. Vielleicht geben Frauen es einfach nur eher zu.

Bewusster Umgang mit dem eigenen Lästerimpuls

Wir alle lästern.  Die zentrale Frage ist: “Warum gerade jetzt und wozu?”

Fragen, die helfen können: 

  1. Was fühle ich gerade wirklich – Ärger, Unsicherheit, Neid, Enttäuschung?
  2. Würde ich dasselbe sagen, wenn die Person anwesend wäre? 
  3. Geht es mir um Verbindung oder um Aufwertung?
  4. Kann ich mein Bedürfnis auch direkter und konstruktiver ausdrücken?

Wenn du merkst, dass du lästern möchtest. probiere Folgendes: 

  • Sprich über Verhalten, nicht über die Person.
  • Finde neutrale Gesprächspartner:innen, mit denen du reflektieren kannst, statt Schuld zu verteilen. 
  • Wenn es nur um “Dampf ablassen” geht – wähle ein “sicheres” Thema, z.B. Promis oder fiktive Figuren.

Fazit: Lästern ist ein Spiegel – nutze ihn

Lästern zeigt oft mehr über uns selbst als über die Person, über die wir sprechen. Hinter fast jedem Lästerimpuls steckt ein Bedürfnis: nach Nähe, nach Orientierung, nach Selbstbestätigung. Wenn wir uns trauen, diese Bedürfnisse zu erkennen und direkter zu erfüllen, verlieren wir den Drang, auf Kosten anderer unser Gleichgewicht zu sichern. 

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Zusammengefasst

Ab wann ist Lästern problematisch? 

Immer dann, wenn die Absicht nicht Klärung oder Verbundenheit ist, sondern dem Ziel, andere abzuwerten, zu isolieren oder zu verletzen, dient. Besonders kritisch wird es, wenn über Betroffene  in ihrer Abwesenheit gesprochen wird und diese keine Möglichkeit haben, Stellung zu nehmen; wenn Fakten verzerrt oder Gerüchte verbreitet werden; oder wenn wiederholt dieselben Personen Ziel sind, das kann sich schnell zu Mobbing entwickeln.

Kann Lästern auch etwas Gutes haben? 

Ja, durchaus. Lästern erfüllt psychologische Funktionen: Es kann emotionale Entlastung schaffen, Nähe erzeugen, soziale Normen verdeutlichen oder ein Gemeinschaftsgefühl stärken. In stabilen Beziehungen kann ein bisschen “humorvolles Lästern“ sogar verbindend wirken. Wichtig ist, dass es ohne verletzende Absicht geschieht und das Ziel nicht die Demütigung einer anderen Person ist. 

Wie kann ich lernen, weniger zu lästern?

Indem du deinen inneren Impuls beobachtest, bevor du sprichst. Achte auf die Auslöser – oft sind es Ärger, Unsicherheiten oder das Bedürfnis, dazuzugehören. Arbeite mit deinem inneren Kind und prüfe, ob dein Bedürfnis nach Zugehörigkeit oder Schutz aus alten Erfahrungen stammt. Außerdem kannst du deine Konfliktkompetenz stärken: Lerne, Kritik direkt und respektvoll zu äußern. Alternative Strategien sind Ausgleich in offenen Gesprächen, durch Tagebuchschreiben oder kreative Ausdrucksformen zu finden. 

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